Der Praxisumzug - Alles was Sie wissen müssen
Hintergrund
Liebe Patient*innen,
der Anfang dieser Geschichte ist etwas bitter. Aber ich verspreche, es wird besser, und lohnt sich bis zu Ende zu lesen. Wer den negativen Teil überspringen mag, der lese ab dem Querstrich.
Ich habe mir Anfang 2026 ein eigenes Haus gekauft. Ich war im festen Glauben, dass ein Umzug der Praxis ins eigene Haus (natürlich sauber baulich getrennt und entsprechend eingerichtet) kein Problem darstellen sollte. Ich lag falsch. Der Antrag wurde abgelehnt. Nach Aussage meines Anwalts zu Unrecht. Die Begründung? Kurios. Ich muss überhaupt nur den Antrag in der Form stellen, da der Bezirk "gesperrt" ist, wir also zu viele Therapeut*innen haben. Der Antrag wurde abgelehnt - wir hätten zu wenig Therapeut*innen, meinen Wegzug könnten die Eschweger Kolleg*innen nicht auffangen. Die Politik dahinter ist schwer zu verstehen und an dieser Stelle nicht relevant. Ich soll unbedingt meine Praxis in Eschwege behalten, um die Versorgungslage der Patient*innen dort nicht zu gefährden. Eine Umfrage von mir zeigte aber: kaum 10% aller Patient*innen würden nicht in Berge behandelt werden wollen. Ich prüfte also, ob ich Rechtsmittel einlegen sollte, und was ich mache, wenn die fehlschlagen.
In dieser angespannten Versorgungslage wird das Gehalt der Psychotherapeuten um 4,5% gekürzt. Für nächstes Jahr ist der Wegfall der Kurzzeittherapie-Zuschläge angekündigt. Das betrifft mich mit ca. 60% meiner Sitzungen. Zusätzlich sollen Psychotherapeuten in die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung integriert werden. Was heißt das? Das heißt, es gibt einen Pool pro Bundesland für alle Ärzt*innen und Therapeut*innen. Aus dem Pool werden alle bezahlt. Ist der leer? Gibt es kein Geld mehr. Das System ist etwas komplexer, aber das führt hier zu weit. Für mich würde das, je nach Umsetzung und realer Auslastung bedeuten: Ich kriege z.B. 18h die Woche voll bezahlt, die restlichen 10-12h bekomme ich dann 75%, 50%, 25% oder auch mal 0% bezahlt. Wann erfahre ich das? Nach dem Quartal, wenn die Arbeitsleistung erbracht ist. Da steht dann sowas wie "Ich hätte gerne 10.000€ für das Quartal" auf meiner Abrechnung. Und im schlimmsten Fall lautet die Antwort: "Ätschibätsch, einen Monat umsonst gearbeitet, hier sind 6.000€". Das ist eine sehr große Unsicherheit, zufällig, ohne jede Planbarkeit (Wer mit Zahlen spielen möchte, klicke hier:https://www.psychotherapieverbund.de/budgetierung).
Unterm Strich und je nach genauer Umsetzung entsprechen die Pläne einem Gewinneinbruch von 30-86% (!), da meine Fixkosten ja gleich bleiben. Nun, zum Zeitpunkt dieser Mitteilung war das alles noch nicht entschieden. Vielleicht kommt es anders. Vielleicht sollte man in Ruhe abwarten? Das ist nicht so einfach. Ich habe Fristen, zu denen ich Widerspruch einlegen muss gegen die Bescheide. Dadurch entstehen erhebliche Kosten, ohne Garantie auf Erfolg. Ich habe Handwerker für die neue Praxis, die 3-5 Monate vorher gebucht werden müssen. Anträge der Architektin, Umzugstermine, Abmeldung der Telematik Infrastruktur, Einlagern von Patientenakten, Kostenplanung, Therapieplanungen, und Anwaltskosten, die entstehen. Was, wenn ich Rechtsmittel gegen den ersten Ablehnungsbescheid (den Umzug) einlege und die werden abgelehnt? Wenn ich den Kassensitz nicht versorge, erlischt er. Und was wenn ich Widerspruch einlege, die geplanten Änderungen doch nicht kommen, und in zwei Jahren beginnt der Hokus Pokus wieder von vorne?
Ich habe die letzten Wochen öfter nachts wach gelegen und gegrübelt; "wie mache ich das"? Bis mir aufgefallen ist: würden meine Patient*innen mich dabei erwischen, die würden mir den Spiegel vorhalten: Wir dürfen nicht Grübeln, und sollen so miese Situationen verlassen, aber der Therapeut darf das?
Und ich finde da hätten Sie alle auch einen fairen Punkt. Das geht nicht. Ich mache den Job, weil ich wirklich Spaß daran habe, Menschen zu helfen. Ich mache ihn, weil ich gute Therapie machen will. Weil ich möchte, dass Menschen wirklich geholfen wird. Unser Gesundheitssystem bietet den Rahmen dafür aber nicht mehr so, wie ich ihn für mich brauche. Fair und planbar. Dann machen wir das halt ohne! Privatpatient*innen sind nicht budgetiert, es gibt keine zufälligen Gehaltsschwankungen, keine Telematik Infrastruktur, keine elektronischen Patientenakten, keine Bindung an wirklich schlechte Praxissoftware. Nur mich. Die Patient*innen. Und den Raum für wirklich wirklich gute Psychotherapie. Und damit war die Entscheidung für eine Privatpraxis gefallen. Das ist viel mehr, wie ich gerne arbeiten möchte.
Aber es bleibt eine kritische Überlegung: wäre das nicht der Weg in die Zwei-Klassen-Medizin? Wer mir die 167€ / Stunde zahlen kann, wird behandelt, der Rest muss zusehen wo man bleibt? Anscheinend will die Politik das. Aber ich nicht. Und genau da kommt das Kostenübernahmeverfahren ins Spiel. Wer von den gesetzlichen Kassen nicht angemessen und zeitnah behandelt wird, darf zu einem Privattherapeuten gehen. Und sich die Leistungen erstatten lassen. Das klingt doch vielversprechend. Das Problem ist, dass die Kassen diese Anträge nicht wollen, weil die viel Geld kosten. Aber die KV hat mir gerade noch bestätigt: Es sind alle viel zu sehr überlastet, alle sind weit über 100% ausgelastet, die Patient*innen kriegen keine Termine. Da kann man dann nur schwer gegen argumentieren. Hier sollte sehr viel Raum auch für gesetzliche versicherte Menschen entstehen, um mit mir arbeiten zu können. Ohne Budgetierung. Ohne komische Kürzungen.
Ich weiß, das klingt etwas zu gut, um wahr zu sein. Es gibt einen kleinen Haken. Die Kassen stellen sich notorisch quer, und lehnen diese Anträge oft ab. Einige Menschen werden nicht die Energie oder Mittel haben, gegen die Kassen mehrfach Widerspruch einzulegen oder gar zu klagen. Und das ist schade. Und es tut mir sehr leid für jeden Fall, in dem das passieren könnte. Unterm Strich denke ich aber, dass diese Lösung viel besser ist: denn die Patient*innen, die ich dann behandeln kann, bekommen einen motivierten und engagierten Therapeuten. Und das ist viel wert.
Und ich habe in der Tat große Pläne. Durch die Umstrukturierung werden Finanzmittel frei, die ich in bessere Praxisausstattung, ein Rework der Homepage und des Wolfsrudel-Portals, eine selbstgeschriebene Patientenverwaltung und bessere Therapiematerialien investieren möchte. Alles aus einem Guss, alles ineinandergreifend und vollautomatisch. Teilautomatisierte Eingangsdiagnostik, Verlaufsmessungen, Hausaufgabenassistenz, sogar auf Wunsch mit AI, Vor- und Nachbereitung und vieles mehr. Mit einer kleinen, ruhigen Praxis in der Natur, wo Sie schon entspannen noch bevor Sie durch die Tür sind. Wenn ich das so lese - freue ich mich auf die Zeit. Ich hoffe, Ihnen geht es ähnlich, und möglichst viele von Ihnen werden diesen Schritt mit mir zusammen gehen. Ich freue mich auf Sie.
Andreas Wolf.
Bedeutung für Sie
Für Sie bedeutet der Umzug folgendes:
Gruppentherapien
- Alle laufenden Gruppen werden "sauber" zu Ende gebracht.
- Die Gruppen, die Ende Juli beginnen werden, werden die letzten sein, die ich anbieten werde. Sie enden in der letzten Novemberwoche.
- Nach dem Umzug werden keine Gruppenbehandlungen mehr angeboten (es mag dazu eine Ausnahme geben, siehe unten)
- Nachdem die Gruppen zusammengestellt wurden, werden die entsprechenden Wartelisten gestrichen.
- Ich werde versuchen, extra viele Gruppen zusammenzustellen, damit alle Wartenden noch unterkommen.
Einzeltherapien
- Alle laufenden gesetzlichen Therapien werden Ende November 2026 zum Ende kommen müssen. Es wird nicht möglich sein, die Behandlung in die neue Praxis zu übernehmen.
- Alle Privatpatient*innen werden einfach nach Berge übernommen. Die Behandlung kann nahtlos weitergehen, wenn Sie das wünschen.
- Patient*innen auf der Warteliste werden irgendwann in der Zukunft gefragt werden ob sie mit nach Berge umziehen wollen. Falls ja, wird es eine neue Warteliste geben.
- Gesetzlich versicherte Menschen dürfen sehr gerne im Kostenübernahmeverfahren versuchen, bei mir in Berge anzufangen. Ich unterstütze so gut ich kann beim Antragsverfahren. Das kann allerdings erst ab dem 1.1. losgehen, vorher geht das nicht, weil ich ja noch offiziell Kassentherapeut bin.
- Der letzte Stichtag für den Beginn einer Einzeltherapie in Eschwege ist Ende August. Wer bis dato nicht in Behandlung ist, wird in Berge in die Privatpraxis umziehen müssen. Entsprechend wird auch Anfangs September dann die Frage kommen, ob Sie auf der Warteliste verbleiben möchten oder nicht.
ADHS-Diagnostik
- Die ADHS-Diagnostik wird ab dem 1.1.27 ausschließlich über das Hörnchenwerk stattfinden.
- Patienten, die sich bis zum 30.6.26 schon für eine ADHS Diagnostik in der Praxis angemeldet hatten, werden alle noch drangenommen, und alle noch versorgt.
- Alle laufenden Transitionsbegleitungen und Befund- und Verlaufsberichte werden bis Ende Dezember erfolgreich abgeschlossen und geschrieben. Fälle wo das nicht geht, weil z.B. die 12 Monate noch nicht rum sind, werden alle irgendwie gelöst.
- Trans*Menschen sind natürlich herzlichst eingeladen, im Kostenübernahmeverfahren bei mir die Transition begleiten zu lassen.
- Ich spiele mit dem Gedanken eine sehr kostengünstige Gruppen-Transitionsbegleitung auf Selbstzahlerbasis zu erarbeiten. Hier kommt es aber auf die gesetzliche Entwicklung der nächsten Monate an, da stehen eine Änderungen an, die ich erst abwarten möchte.
- Menschen, die noch nicht in Transitionsbegleitung sind, müssen leider bis zum 1.1. warten, bis sie loslegen können.
- Indikationsschreiben für Hormone oder allgemein die Diagnose sind problemlos weiter machbar.
Ablauf
Der zeitliche Ablaufplan ist in etwa so:
- Juli: die letzten Gruppen beginnen
- August: die letzten Einzeltherapien beginnen
- September: Umstellung auf neue Warteliste, nur noch Erstgespräche in Eschwege, laufende Therapien werden in Eschwege fortgeführt
- September: Eine Woche Urlaub, um die Homepage, Branchenverzeichnisse etc. auf den neuesten Stand zu bringen
- Oktober: -
- November: Ende aller Behandlungen in Eschwege
- Dezember: Urlaub, Praxisumzug
- Januar: Eröffnung der neuen Praxis in Berge
Fragen
Wie läuft so ein Kostenübernahmeverfahren?
Siehe hier.
-Weitere Fragen werden hier ergänzt sobald sie auftauchen-